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Wenn trotz Farben alles ein bisschen düster bleibt

Der Herbst bezaubert uns mit den buntesten Farben, die Wälder leuchten mit der Herbstsonne um die Wette. Das Licht ist warm und golden und wenn am Morgen die Nebelschwaden, die über den Feldern hängen, von den ersten Sonnenstrahlen geküsst werden, scheint die Welt wie von einer schimmernden Decke umhüllt. Ich habe den Herbst immer geliebt. Ich habe ihn immer als Geschenk der Natur empfunden. Einerseits weil er uns mit seinen Farben zeigt, wie schön diese Welt sein kann, andererseits, weil er uns auch genau damit an die Vergänglichkeit von allem erinnert.

Als ich meinen Blog gestartet habe, noch längst bevor ich die ersten Buchstaben in mein imaginäres, virtuelles Tagebuch getippt habe, überlegte ich mir, was ich mit meinem Getippse erreichen will. Mache ich es nur für mich, eine Art Ventil, eben wirklich eine moderne Form von Tagebuch? Oder will ich mutigen Frauen den Einstieg in "unser Leben" erleichtern, in dem ich mit Tipps und Tricks zur Seite stehe? Will ich unterhalten, zum Nachdenken anregen oder vielleicht sogar polarisieren und provozieren? Und wie viel von meinem Privatleben will ich öffentlich machen?
 
Ich habe Strategien aufgeschrieben und Pläne ausgetüftelt, Ziele formuliert und Konzepte erstellt. Die ich dann alle in den Müll geworfen habe. Schlussendlich stand auf meinem MindMap ein einziges Wort: Authentizität. Denn schliesslich erzähle ich aus meinem Leben. Und das hat ganz eigene Pläne, die sich nicht an irgendwelche ausgeklügelten Konzepte halten.
 
Und so habe ich euch bis jetzt (hoffentlich) zu Bananenbrot inspiriert, auf meine Reisen mitgenommen, euch Gedankenanstösse gegeben zum Thema Frausein und mich mit meinem Cowboy-Beitrag vielleicht sogar ein bisschen aufs Glatteis gewagt. Doch was, wenn einmal nicht alles glänzt? Wenn die Kreativität wie eine zähflüssige Masse in meinem Kopf klebt, eine formloser Klumpen, aus dem nichts übersprudelt und sich keine Idee rausbildet? Oder wenn die Farben mein Innerstes nicht mehr erreichen. Soll ich auch dann davon schreiben? Ja. Ich habe mich dazu entschieden, den bisher schwersten und persönlichsten Eintrag zu schreiben und hoffe, dass es der letzte dieser Art sein wird.
Heute erzähle ich euch etwas über Verlust. Einen jener Art, bei dem du weisst, dass die Zeit eben nicht alle Wunden heilen wird. Der ein schwarzes Loch reisst, das keine Farbe der Welt wieder füllen könnte. Verlust ist etwas zutiefst Persönliches. Etwas, mit dem jeder Mensch anders umgeht oder ihn anders empfindet. Es gibt kein richtig oder falsch.
 
Ich musste meinen Vater gehen lassen. Sein grosses Herz war nicht mehr stark genug und hat aufgehört, zu schlagen. Einfach so. Von einem Schlag auf den anderen. Dieser Mann, der stark war wie ein Baum. Der manchmal die Last der Welt auf seinen Schultern zu tragen schien. Und der trotzdem gütig war und grosszügig. Er war Geschichtenerzähler und konnte dich mit seiner Energie in fremde, vergangene Welten entführen. Sein Leben schreibt jetzt keine neuen Geschichten mehr. Und ich muss meine ohne ihn weiterschreiben.
 
Meine Gefühle niederzuschreiben, ist beinahe unmöglich. Es fühlt sich ein bisschen an, wie wenn man laut rausschreit, so lange, bis die Lunge keine Luft mehr übrig hat. Und dann schreit man trotzdem noch eine Sekunde weiter, bis es richtig schmerzt. Die Lunge ist danach so richtig ausgepumpt, die Stimmbänder schmerzen und sogar der rettende Atemzug brennt im Hals. Und alles was man neben dem Schmerz fühlt, ist Leere.
 
Aber wisst ihr, was das Gute ist? Ich atme weiter. Atemzug für Atemzug. Und die Lunge hört irgendwann auf, zu brennen. Meine symbolischen Atemzüge sind spontane Brändi-Dog-Abende (das wohl beste Spiel der Welt!) mit Freunden, an denen danach auch der Hals schmerzt, aber vor lauter Lachen. Und das, obwohl einem zuerst nach Weinen zumute gewesen wäre. Es sind Momente, in denen man unerwartet und mitten in der Drogerie von einem lieben Menschen umarmt wird, weil Umarmungen manchmal mehr nützen als die bestgemeinten Worte. Es sind aber auch Momente, in denen man einfach weinen darf, weil man weiss, dass das Gegenüber sich nicht denkt "Mein Gott, es sind ja jetzt doch schon über zwei Monate her, so langsam könnte sie sich ein bisschen zusammenreissen.".
Es sind diese ehrlichen Gespräche mit Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen und die mir die Wahrheit sagen. Dass es lange dauert, bis der Schmerz weniger wird. Dass immer eine Lücke bleiben wird und dass auch nach unzähligen Jahren der Schmerz genau so heftig und unerwartet zurückkommen kann, wie am Tag, als ich erfahren habe, dass mein Daddy gestorben ist. Dass schlechtes Gewissen dazugehört. Dass man sich immer fragt, ob man nicht noch etwas mehr hätte machen können. Ihn retten können.
 
Meine Atemzüge sind Menschen, die langen Atem beweisen und meine Geschichten von Daddy auch noch nach dem zehnten Mal anhören und mich nicht unterbrechen. Menschen, die mir Zuflucht bieten, in dem ich einfach mal in die Berge verschwinden und Tapeten wechseln kann. Menschen, die verstehen, dass mir nicht mehr alles so leicht von der Hand geht, wie es vor einigen Wochen noch der Fall war. Und die keine Erwartungen an mich stellen. Die Familie, die mich stützt, obwohl ihr Schmerz kein bisschen kleiner ist als der Meine. Und mein Mann, der mich sieht, so richtig sieht. Der mich zu lesen scheint, wie ein offenes Buch, und der immer zum richtigen Zeitpunkt eine Seite umblättert.
Es gibt so viele Menschen da draussen, die mir das atmen erleichtern. Ich kann euch nicht allen danken, aber lasst euch versichern: ihr seid meine Farben!
 
Und ihr alle, die auch mit der Schwärze zu kämpfen habt, gebt nicht auf! Durch mein eigenes Schicksal habe ich erst gelernt, wie viele andere Menschen, sogar aus meinem direkten Umfeld, dasselbe Schicksal zu tragen haben. Und wie sehr sie immer noch darunter leiden. Aber ich habe nie danach gefragt. Man spricht nicht mehr darüber. Es ist auf ganz eigene Art ein Tabuthema. Es passt nicht in einen gemütlichen Abend oder ein lustiges Fest. Und das tut mir von Herzen leid. Ich werde nie mehr, das verspreche ich euch, einen Todesfall, der sieben oder neun oder auch zwanzig Jahre her ist, auf die leichte Schulter nehmen. Ich habe ein offenes Ohr für euch, und was noch mehr zählt: ich habe ein offenes Herz für euren Schmerz. Egal auf welche Art ihr trauert, versteckt ihn nicht. Erklärt euren Mitmenschen, wie ihr euch fühlt, denn so doof der Spruch auch ist, so ist er dennoch wahr. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Zumindest müsst ihr den Schmerz nicht mehr alleine tragen. Und ihr helft euren Mitmenschen, so zu reagieren, wie ihr es am meisten braucht. Denn vergesst nicht, dass nicht jeder weiss, wie er reagieren soll. Und oftmals gibt es auch gar keine Worte, die passen. Schämt euch nicht, zu weinen. Wütend zu sein. Irritiert. Wenn euch Sprüche wie "das wird schon wieder" verletzen, dann teilt das mit. Es war sicherlich nicht böse gemeint, aber was soll man denn jemandem auch sagen, der gerade einen geliebten Menschen verloren hat?
 
Was mich auf die Palme bringt, sind die Floskeln, die ich selbst verwende, um andere vor der unangenehmen Situation zu schützen, in die ich sie bringe, wenn ich die Wahrheit sage. Ich habe damit aufgehört, auf die Frage "Wie geht's?" mit "Es muss ja." oder "Wird schon wieder." zu antworten. Denn es ist einfach nicht wahr! Die Wahrheit ist, es gibt gute Tage und es gibt so richtig, richtig schlechte Tage. Es gibt keine Ablauffrist für Trauer, und ja, auch 75 Tage nach dem schlimmsten Tag meines Lebens kommen immer noch zweitschlimmste Tage meines Lebens. Und ich hab mit mir selbst einfach zu hart zu kämpfen, als dass ich es mit einer Floskel verdecken möchte. Also seid mir nicht böse, wenn ich - wieder mal - anders bin, als es von mir erwartet wird. Ich bin euch auch nicht böse, wenn ihr dann nicht wisst, wie ihr darauf reagieren sollt. Denn jeder Mensch ist anders, jeder trauert anders, jeder reagiert anders. Und das ist okay, denn wir sind in all unseren Farben einfach genau so, wie wir sein sollen.
Gebt nicht auf und seid immer ehrlich, denn auch wenn es primär nicht der einfachste Weg zu sein scheint, so wird es auf lange Sicht doch der leichteste sein!
 
Ich denke an euch und danke euch allen!
 
Herzlichst
 
Scarlet Rose

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