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Eine Liebeserklärung an New Orleans

Eingebettet im Delta des Ol'Man Rivers, wie der gemächlich dahingleitende Mississippi auch genannt wird, liegt Crescent City, die Mondsichelstadt. Zu ihrem Namen kommt New Orleans nicht etwa, weil sie im sanften Schein einer Mondsichel so zauberhaft aussieht. Denn eines ist sicher: Wenn du am Abend, sobald es eingedunkelt hat, die Bourbon Street raufspazierst, dann hast du ganz sicher keinen Blick übrig für den Mond, doch dazu später mehr. Diese wundervolle Stadt ist deshalb nach unserem Erdtrabanten benannt, weil sie wie eine Sichel um den Lake Pontchartrain aufgebaut wurde. Und beinahe überirdisch schön erschien sie uns, diese Stadt, die den Lebensrhythmus wohl dem Tempo des vorbeifliessenden Flusses angepasst hat.

Unsere Reise begann in einem hübschen Vorort von New Orleans. Wir bestiegen die über 180 Jahre alte Strassenbahn (St. Charles Streetcar) und liessen uns in eine vergangene Zeit entführen. Auf den mahagonifarbenen Holzbänken wurden wir von unserer Fahrerin durch die historischen Stadtteile von New Orleans geschaukelt.

Besonders beeindruckt hat uns das Garden District mit seinen alten Südstaatenvillen. Diese mondänen Gebäude wurden übrigens erst rund 85 Jahre nach der Gründung der Stadt durch die amerikanischen Zuzüger erbaut. Ja, du hast richtig gelesen: Zuzüger. Die Stadt wurde 1718 als Nouvelle Orléans von einem Franzosen gegründet, bevor es dann 1762 an die Spanier abgetreten wurde, um dann 1800 wieder an die Franzosen zurückgegeben zu werden. 1803 wurde der gesamte Staat Louisiana an die Amerikaner verkauft, womit dann auch die ersten Amerikaner nach New Orleans zogen. Die Einheimischen wollten von den Neuen aber nichts wissen und verbannten diese kurzerhand in die Vororte. Daraus entstand dann unter anderen das wunderschöne Garden District.

 

Rund eine Stunde hat unsere Fahrt durch die verschiedenen Distrikte gedauert und wir kamen aus dem Staunen kaum heraus. Die kunstvollen, schmiedeisernen Zäune, die majestätischen alten Eichen, die die Strassen säumten und sogar die Stromleitungen waren immer noch mit den bunten Plastikketten vom Mardi Gras geschmückt. Am Hafen des Dampfschiffes Natchez endete schliesslich unsere Fahrt in der nostalgischen Strassenbahn und wir spazierten zu Fuss dem ruhigen Quai entlang, in unseren Tagträumereien nur unterbrochen durch gelegentlich vorbeifliegende Möwen.

 Bald schon erreichten wir den Jackson Square und dann war es auch mit der Ruhe vorbei, denn dort tauchten wir ein in das pulsierende Leben. Die unterschiedlichsten Nationen leben hier zusammen und das spiegelt sich durchaus auch in der Religion wieder. So kann man sich im Schatten der römisch-katholischen St. Louis Kathedrale aus der Hand lesen oder ein Vodoo-Püppchen nach Mass anfertigen lassen. Die Sterne werden einem gedeutet oder man kann auch etliche Kräutermixturen erstehen. Oder sich einfach ein Eis kaufen und die gewaltige Fassade des einzigartigen Bauwerkes bewundern.

Nach einer kurzen Pause ging es dann weiter durch die verwinkelten Gassen des berühmten French Quarters. Wir liessen die Gerüche der kreolischen Restaurants, die farbenprächtigen Häuser mit dem Blumenschmuck und den verschnörkelten Balkonen auf uns wirken und genossen das geschäftige Treiben auf der Royal Street. Fröhliche Klänge lockten uns dann eine Ecke weiter, wo wir auf eine Gruppe Strassenmusiker trafen, die eine Mischung aus traditioneller Cajun-Musik und Jazz spielten. Die lebensfrohen Melodien fuhren nicht nur uns direkt in die Beine - viele Zuhörer konnten bei so verlockenden Tönen nicht stillstehen und legten ein flottes Tänzchen auf den Asphalt.

So viel Lebenshunger löste bei uns gleich einen physischen Hunger aus, den wir dann im besten Gumborestaurant von Amerika stillten: dem Gumbo Shop in der St. Peter Street. Gumbo ist ein würziges Eintopfgericht, das in verschiedenen Varianten serviert wird und typisch ist für die Südstaatenküche. Während ich die klassische Version mit Wurst, Reis und Gemüse genoss, hat sich mein Mann für die Seafood-Variante entschieden und dabei für den grossen Lacher gesorgt.

Was wir Mitteleuropäer unter Seafood verstehen, beschränkt sich in den Südstaaten definitiv nicht nur auf Shrimps und Tintenfischchen. Da kann es durchaus mal vorkommen, dass ein halber Krebs in der Suppe schwimmt. Doch wie isst man diese Dinger? Mein Mann wusste es offensichtlich nicht und so kam es, dass ein Bein seines Krebses in hohem Bogen unter dem Stuhl eines anderen Gastes landete. In New Orleans offensichtlich nicht ungewöhnlich, denn ausser einem verständnisvollen Augenzwinkern kam ansonsten keine Reaktion. Es war wohl auch jeder zu sehr mit seinem eigenen, köstlichen Gumbo beschäftigt.

 

Nach dieser leckeren Stärkung ging es weiter durch die wunderschönen Strassen. Wir bewunderten lokale Künstler und erstanden ein echtes, kleines Kunstwerk, das nun unsere Fensterbank ziert. Und weil wir gerade so schön im Shoppingfieber waren, litt unser Reisebudget zu Gunsten von kreolischen Gewürzen noch ein bisschen mehr.

Wir schlenderten durch die kleinen Läden, besuchten einen Hutmacher und probierten Hüte an und dann, als wir uns schon in ein Pub zurückziehen und den Tag ausklingen lassen wollten, war da plötzlich dieser Laden. Dieser Laden, der mich meine schmerzenden Füsse vergessen liess und mich magisch anzog: Trashy Diva an der Royal Street. Mein Mann verdrehte die Augen, er wusste, was ihm blühte. Doch dieses Mal sollte er zumindest einigermassen verschont bleiben, denn ich habe mich auf den ersten Blick verliebt in ein Paar Peep Toes mit Schnürung. Da mein Portemonnaie wirklich nicht mehr viel hergab für diesen Tag, verzichtete ich auf die Anprobe von all den schönen Kleidungsstücken und liess mich schweren Herzens von meinem Mann aus dem Laden bugsieren.

Wir nahmen also unseren ursprünglichen Plan wieder auf und schlenderten, mit Einkaufstaschen beladen, zurück auf die Bourbon Street, wo wir uns in eine gemütliche Ecke in einem Pub setzten und uns einen Daiquiri zu Gemüte führten. Lange blieb es aber nicht so gemütlich, denn was wäre New Orleans ohne Musik. Schon bald tanzte das halbe Pub zu fröhlichen Cajunklängen um die Tische. Unseren Füssen - und Einkaufstaschen - zuliebe, betrachteten wir das fröhliche Treiben aber lieber von unserem Tisch aus und grinsten uns müde, aber glücklich an.

 

Als wir das Pub verliessen, war es schon dunkel und wir erlebten die Bourbon Street von ihrer anderen, farbigen und verruchten Seite. Nicht umsonst nennt man sie die Big Easy, die grosse, lockere Stadt. Denn das ist sie wirklich. Halbnackte Tänzerinnen, die dich in ihren Club locken wollen, öffentliches Trinken von Alkohol und ausgelassenes Feiern auf dieser berüchtigten Strasse, doch dies alles, ohne etwa abstossend oder gar beängstigend zu wirken. Alle waren freundlich und respektvoll, es war ein riesiges, lebensbejahendes Fest, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe. Es war wirklich alles einfach easy.

Angelockt von den Rufen eines Werbeschreiers und dem köstlichen Geruch nach Gegrilltem zogen wir uns dann in ein kleines Grillrestaurant in einem idyllischen Innenhof zurück und liessen es uns noch einmal richtig gut gehen. Und wie es uns in den Südstaaten öfter passiert ist, blieben wir nicht lange alleine. Anstatt in die Speisekarte waren wir schon bald in ein Gespräch mit unseren Tischnachbarn vertieft. Und wie wir da so sassen, in diesem hübschen, ruhigen Garten mit den warmen, farbigen Lampions, über uns der Mond, der mit der Bourbon Street um die Wette leuchtete, der Tisch mit Leckereien und süssen Drinks beladen, umgeben von herzlichen, gut gelaunten Menschen, wusste ich eines: Ich hatte gerade mein Herz verloren, an die Stadt, die man Crescent City nennt.


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