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Den Mut haben, zu versagen

Schlägt man das Wort "Kreativität" im Wörterbuch nach, dann steht da, es sei eine schöpferische Kraft, ein kreatives Vermögen. Und um ehrlich zu sein, habe ich irgendwie nicht damit gerechnet, dass die Beschreibung so genau passt. Ich hab mich eher darauf eingestellt, die offizielle Definition zu zerpflücken und sie inoffiziell neu zu definieren. Ich wollte diese Neuinterpretation meinerseits dazu nutzen, um eine tolle Überleitung zu meinem Titel zu schaffen und euch zu erklären, dass Kreativität genau das für mich ist: Den Mut dazu zu haben, etwas nicht zu können. Aber Kreativität heisst manchmal auch, dass etwas anders kommt, als man es erwartet hat und sich dadurch die Chance bietet, etwas völlig Neues zu erschaffen. Und deshalb nehme ich die offizielle Definition gemäss Wörterbuch gerne an und mache für mich - und für euch - etwas kreatives daraus.

Nur all zu oft höre ich Sätze wie "Du bist ein solches Naturtalent!" oder "Dein Talent hätte ich auch gerne". Natürlich höre ich solche Dinge gerne und sie schmeicheln mir auch. Aber sie sind einfach nicht wahr. Und wer jetzt gönnerisch den Kopf schüttelt und insgeheim denkt, ich tue jetzt nur künstlich bescheiden, dem sei gesagt: Das ist nicht meine Art. Ich nehme gerne Komplimente an und im Gegensatz zu vielen Frauen kann ich auch einfach nur Danke sagen, ohne mich für das Kompliment rechtfertigen zu müssen. Wer jetzt nach Luft schnappt und meiner Aussage empört etwas entgegensetzen will: macht eurer besten Freundin das nächste Mal, das ihr sie seht, ein Kompliment für ihr hübsches Kleid. Wenn sie einfach nur danke sagt, dann umarmt sie gleich noch zur Belohnung. Wenn sie aber den Laden nennt, in dem sie das Kleid gekauft hat, sich über das eine oder andere Pölsterchen beschwert, das vielleicht negativ betont werden könnte oder euer Kompliment sogar zurückweist, dann denkt an meine Worte und gebt sie weiter: Sagt einfach Danke. Denn ihr seid toll!

 

Nach diesem kleinen Selbstbewusstseins-Exkurs möchte ich nun wieder zurück zum eigentlichen Thema kommen: Talent. Ich erspare euch jetzt die Definition davon, denn schliesslich ist mein Blog kein Wörterbuch. Nur so viel: Talent wird als Begabung angesehen, die einfach so da ist und auf die ein talentierter Mensch einfach so zurückgreifen kann, ohne Aufwand betreiben zu müssen. Und nein, das war jetzt nicht die offizielle Definiton, denn die wäre noch viel trockener als meine Umschreibung davon.

Nun, ich bin nicht talentiert. Überraschung! Ich gehöre nicht zu jenen, die, kaum geschlüpft, schon Klaviersonaten von Beethoven in die Tasten gehauen haben. Ich konnte nie singen, auch wenn ich das zeitweise geglaubt habe, ich habe zwei linke Füsse und als wir im Handarbeitsunterricht ein süsses Stofftierchen häkeln mussten, habe ich mich für einen Tintenfisch mit tausend Tentakeln entschieden, weil ich dafür nur Luftmaschen häkeln musste. Wenn ich ein Bild gemalt habe, musste ich bis ungefähr in die 8. Klasse alles Gemalte anschreiben, damit der Betrachter wusste, was es darstellen sollte.

 

Okay, ich gebe zu, dass die Darstellung vielleicht ein bisschen überspitzt ist. Und ganz sicher gab es einiges, das mir leichter gefallen ist, als anderen. Schreiben zum Beispiel. Aber worauf ich hinaus will: Kreativität ist per Definition ein kreatives Vermögen. Ein Vermögen ist in den seltensten Fällen einfach vorhanden. Es wird oftmals über die Jahre durch harte Arbeit aufgebaut, es werden zeitweilen Verluste eingefahren und oftmals ist es ein langwieriger und manchmal frustrierender Prozess, bis man an dem Punkt angelangt ist, an dem man es selbst als Vermögen betrachtet und sich ein bisschen zurücklehnen und geniessen kann.

 

Gerade in der heutigen Zeit, in der die sozialen Medien ein so einseitiges Bild eines Menschen oder dessen Talente abliefern, neigen wir dazu, uns als unscheinbar und untalentiert abzustempeln. Alle anderen sind besser als wir, also lassen wir lieber gleich die Finger davon. Unsere Welt ist voll von äusseren Einflüssen und Inspirationsquellen, die uns leider so unter Druck setzen können, dass die gesuchte Inspiration im Keim erstickt wird.

Kreativ sein heisst, den Mut aufzubringen, zu versagen. Das klingt drastisch und negativ, aber im Grunde ist es die Wahrheit. So viele Menschen hätten Lust, etwas Neues auszuprobieren, aber scheitern dann an ihrer Angst, zu versagen. Sie setzen ihre Messlatte so hoch, dass sie schon im Vornherein wissen, sie nicht erreichen zu können. Da nützen auch altkluge Sprichwörter wie "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen", nichts.

 

Was bei anderen unglaublich leicht wirkt, ist für eine ungeübte Hand manchmal einfach nicht zu erreichen. Ich habe kürzlich versucht, mit Wasserfarben mein eigenes Briefpapier zu gestalten. Ich hab mir ein süsses Youtube-Tutorial angeschaut. Ich fand, das müsste zu schaffen sein. Es hat ja auch suuuuper einfach ausgesehen. Einfach ein bisschen Wasserfarbe, Pinsel und Papier, ein paar gekonnte Schwünge über's Papier ziehen und fertig ist das Kunstwerk. Ich hab dabei schlicht vergessen, dass der blosse Besitz von Farbe und Papier mich noch nicht zum Van Gogh macht. Der hat übrigens nicht mit Wasserfarben gemalt, aber das sind Details. Klar war ich im ersten Moment frustriert. Klar hätte ich mir gewünscht, dass meine Lavendelzweige nicht nur der Farbe wegen ansatzweise als Lavendel durchgehen.

 

Aber wisst ihr, worin ich wirklich gut bin? Im Durchhalten. Auch wenn die Empfängerin dieses Briefes vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennen wird, dass es sich um Lavendel handelt, so wird sie durchaus sehen, dass das Papier selbstgemacht ist. Und sie wird den Aufwand zu schätzen wissen und sich freuen. Und darauf kommt es an. Ich werde wieder zu Pinsel und Papier greifen und es wird noch viele weitere misslungene Versuche geben, aber irgendwann werde ich richtig gut sein darin, nur mit Wasserfarbe und Pinsel wunderschöne Blumen zu zaubern.

Wenn ihr also zukünftig meinen Blog lest oder auf Instagram meine selbstgemachten Kleider bewundert, dann lasst euch gesagt sein: Es ist nicht Talent, das mich so weit gebracht hat. Es ist der schiere Wille, dieses Handwerk zu beherrschen. Es sind unzählige Meter Stoff, die schlussendlich im Mülleimer gelandet sind, Stunden der Frustration und der Tränen. Ich nähe seit acht Jahren. Begonnen habe ich auf einer Nähmaschine, die fast so alt war, wie ich selbst. Ich habe wohl in der Summe einen Drittel aller Nähte wieder aufgetrennt oder hätte sie zumindest auftrennen sollen. Oftmals hab ich sie aber einfach so gelassen, weil mich der Mut verlassen hatte oder ich zu frustriert war, alles noch einmal neu zu machen. Das UnFertige Objekt, unter Handarbeitern als UFO's bezeichnet, lag dann anstandshalber noch ein oder zwei Jahre in der Ecke, bis das schlechte Gewissen aufgeräumt genug war, um das Teil endlich in den Müll zu werfen oder einem Kindergarten als Bastelmaterial zu spenden.

 

Mit meiner Strickbilanz sieht es noch schlimmer aus. Ich stricke seit 10 Jahren und hab erst in diesem Frühjahr endlich einen Pullover gestrickt, den ich auch wirklich gerne tragen werde. Oftmals liegen die angefangenen Strickteile so lange rum, bis die Motten es gefressen haben (das war metaphorisch gemeint, wir haben zum Glück keine Motten).

Was ich euch eigentlich zu sagen versuche: Gebt nie auf! Ihr müsst kein Naturtalent sein, um etwas zu erreichen. Oftmals reicht die Leidenschaft aus, um etwas so gut zu erlernen, um es als Talent durchgehen zu lassen. Echt, ich weiss nicht, was heute mit mir los ist, aber mir fallen andauernd so alte Sprichwörter ein, aber es stimmt wirklich: " Gut Ding will Weile haben". Wenn ihr Rückschläge nicht als solche betrachtet, sondern als Lernphase, dann wird es euch eines Tages gelingen. Oh, und was ich übrigens erst jetzt, nach fast 10 Jahren mit Nadel und Faden gelernt habe, ist, dass es sich manchmal lohnt, eine Naht so lange immer wieder aufzutrennen, bis sie perfekt sitzt. Das befriedigende Gefühl eines perfekt gelungenen Kleidungsstückes entschädigt einen garantiert für unzählige Stunden mit dem Nahttrenner.

 

Auch ich muss noch häufig all meinen Mut zusammennehmen. Zum Beispiel wenn ich einen besonders teuren Stoff anschneide. Oder wenn ich beschliesse, meinen eigenen Onlineshop zu eröffnen. Verrückt oder? Aber ihr könnt euch nicht vorstellen, wie mein Herz geklopft hat, als ich meine ersten Produkte in meinen Etsy-Shop geladen habe. Und ich gebe zu, ein bisschen Angst habe ich schon, zu versagen. Doch wenn ich eines gelernt habe, dann, dass diese Angst einen nie hindern darf, etwas zu erreichen, das im Bereich des Möglichen liegt.

Ihr könnt dieses Outfit übrigens in meinem neuen Etsy-Shop kaufen #allmeinenMutzusammengenommen
Ihr könnt dieses Outfit übrigens in meinem neuen Etsy-Shop kaufen #allmeinenMutzusammengenommen

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Mut, Durchhaltewillen und ausgiebige Lernphasen, die euch an einen Punkt bringen werdet, an dem ihr ein Vermögen aufgebaut und einfach nur noch profitieren und geniessen könnt!

 

Gebt den Glauben in euch selbst nie auf, denn ich glaube an euch!

 

Herzlichst

 

Scarlet Rose


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