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Handyfreie Zone

No Phone
Symbolbild - selbstverständlich würde ich nie mein Telefon unter den Zug legen :-) Bild von richard__art

Ja ist sie denn verrückt geworden?

 

 

Ein kleines bisschen vielleicht. Oder vielleicht bin ich auch einfach nur übersättigt. Überreizt. Überflutet. Hach, mir kämen bestimmt noch hunderte Adjektive in den Sinn, die mit über beginnen. Aber ich will euch ja schliesslich nicht langweilen. Und da meine Blogbeiträge so oder so immer ein bisschen lang ausfallen, weil ich wohl genauso gerne schreibe wie ich plappere, komme ich nun, nach 67 Wörtern zum Punkt: Ich habe mein Handy abgegeben. Ganze vier Tage lang habe ich mobiltelefonfrei gelebt. Und was anfänglich als ein gefürchtetes Selbstexperiment begann, hat sich zu richtigen Wohlfühltagen gemausert.

 

 

Tag 1 – Donnerstag
Gestern Abend habe ich mein Telefon ausgeschaltet. Nachdem ich alle vorgewarnt und informiert habe, dass ich mich nicht deshalb nicht mehr melde, weil ich nicht mehr mit demjenigen befreundet sein will oder aber verschollen sei, sondern einfach mein Handy ausgeschaltet lasse für ein paar Tage.  Eigentlich wollte ich es zuerst meinem Mann abgeben, damit ich ja nicht in Versuchung gerate, es doch wieder ab und an einzuschalten. Aber so viel Selbstdisziplin habe ich mir dann doch zugetraut, schliesslich geht es um mein Handy und nicht um eine Tafel Schokolade. Bei der würde meine Selbstbeherrschung ein Köfferchen packen, die Sonnenbrille aufsetzen und lachend davonrennen. Aber bei meinem Mobiltelefon halte ich es knapp aus.

 

 

Eigentlich ist es ja schon ein kleines bisschen geschummelt. Denn das Ziel dieser Aktion war es, ein bisschen Vintagefeeling zu zaubern und mich an die Zeiten zurückzuerinnern, als man sich noch Liebesbriefe geschrieben, einen Termin per Festnetztelefon ausgemacht hat und dann auch pünktlich erschienen ist, weil man nicht eben per WhatsApp die Notlüge «Stehe im Stau, komme 10 Minuten später» absetzen konnte. Mein Huawei hab ich dann trotzdem die vier Tage mit mir rumgetragen. Es hätte ja sein können, dass sich ein absoluter Notfall ereignet hätte, und in diesem Fall möchte ich mich dann nicht auf die SOS-Notfallsäulen verlassen müssen, die gefühlt alle paar 100 Kilometer auf der Autobahn stehen.

 

 

Mein erstes Problem war übrigens der Wecker. Modern, wie wir trotz unserem Lifestyle eben sind, führen wir keine Uhrenwecker mehr, sondern – wie könnte es auch anders sein – nur noch der Handywecker. Da meines ja ausgeschaltet war, funktionierte folglich auch der Weckklingelton nicht und ich musste mich darauf verlassen, dass ich den nervtötenden Klingelton meines Mannes hören würde. Da mein Mann aber sehr schnell ist, diesen wieder auszuschalten, weiterzuschlafen und dann darauf zu warten, dass mein Wecker klingelt, war ich vor lauter Angst zu verschlafen, schon um vier Uhr in der Nacht wach (das weiss ich, weil mein Fitbit glücklicherweise auch ohne Verbindung zu meinem Telefon funktioniert).

 

 

Völlig gerädert stand ich dann morgens auf und griff als erstes zu meinem Handy. Ach kacke. Ausgeschaltet natürlich. Gut, dann halt pinkeln ohne Telefon. Das überlebe ich. Beim Frühstück hab ich dann, nicht wie üblich, meine Mails gecheckt, sondern in der neuesten Ausgabe des Vintage Flaneur gestöbert. Als ich dann nach dem Essen noch kurz die eben verspiesenen Lebensmittel in meine FitBit-App eintragen wollte, sah ich in dem schwarzen Bildschirm nur mein eigenes Gesicht. Mist, dann halt eben alles auf Papier aufschreiben und am Sonntag in die App nachtragen.

 

 

Der Arbeitstag ging dann ganz flott vorüber, schliesslich hat die Arbeit am Computer irgendwie meine unleugbare Sucht nach Elektronik kompensiert. Und auf der Arbeit arbeitet man ja sowieso. Sonst würde es ja Handyen oder Mobiltelefonen heissen. Tut es aber nicht. Das einzige, was mich an diesem Tag belastet hat, war, dass ich meinem Mann keinen guten Appetit wünschen konnte per Kurznachricht. Als ich dann mein Festnetz (jap, so was führen wir noch – ich bin eben schon ein bisschen vintage) benutzen wollte, um ihn ganz kurz anzurufen, merkte ich, dass die Leitung tot war. Hatte doch mein Anbieter zur dümmsten Zeit eine Panne. Gut, hab ich ihm sein «Bon Appetit» halt telepathisch übermittelt und ihm Abends dann gesagt, dass ich ganz fest an ihn gedacht hätte. Ich bin furchtbar.

 

 

Abends war dann packen angesagt, denn schliesslich planten wir ein verlängertes Wochenende in Dublin. Ich weiss, das ist wieder ein bisschen geschummelt, denn im Ausland hat man ja so oder so häufig kein Empfang, ausser im Hotel. Aber man muss ja auch nicht immer den schwersten Weg wählen oder? Eben.

 

Allerdings kann ich euch sagen, dass man eine Reise ganz anders vorbereitet, wenn man weiss, dass man nicht erreichbar ist! Als ich mich kurz ins e-Banking einloggen wollte, stand ich vor einem Problem. Denn das geht nur über die Zweikanal-Identifizierung – ihr erratet es – mit dem Handy. Wir mussten uns also einfach darauf verlassen, dass die Konten noch genügend gedeckt waren und schlimmstenfalls hätten wir ja immer noch die Kreditkarten. Auch gut. Die aktuelle Verkehrslage in der Schweiz checken war dann nicht, wir mussten uns also einfach auf unser Bauchgefühl bzw. unsere Erfahrungswerte verlassen, was die Fahrzeit zum Flughafen angeht. Oh und die Mobiletickets für das Konzert am Samstag hab ich am Mittwoch bereits ausgedruckt. Da hatte ich ja noch nicht handyfrei.

 

 

Am Freitagmorgen mussten wir uns dann ganz ohne Google Maps durch den frühmorgendlichen Verkehr schlagen, in der Hoffnung, die Verkehrsschilder mit unseren verschlafenen Augen früh genug zu entdecken und nicht falsch abzubiegen. Es hat alles geklappt, den Flug hätten wir nur fast verpasst, aber das ist eine andere Geschichte, die mit dem Mobiltelefon nichts zu tun hat. Ich war schuld.

 

 

Als wir dann in Dublin gelandet sind, war Johann so nett und hat kurz meine Schwester und mein Mami informiert, dass wir noch leben. Ich weiss, schon wieder geschummelt. Hey, aber dann hat mein Paradies angefangen! Mal abgesehen davon, dass ich keine Kamera eingepackt habe und dementsprechend keine Fotos machen konnte, weil – eben, ihr wisst ja. Aber da wir schon sechs Mal in Dublin waren, haben wir wohl alles bereits einmal fotografiert. Und das Konzert war so oder so etwas, das man erleben und nicht filmen oder fotografieren muss. Wie gesagt, mein Paradies hat angefangen. Ich merkte plötzlich, wie befreiend es war, nicht erreichbar sein zu müssen. Es fühlte sich an, als ob die Welt gerade ein bisschen langsamer laufen würde, bloss weil ich kein Mobiltelefon in der Tasche hatte. Ich konnte mich nicht nonstop mit anderen Menschen auf den sozialen Medien vergleichen und den aktuellen Moment hielt ich nicht mit dem Selbstauslöser der Handykamera fest, sondern genoss ihn in vollen Zügen. Gerade durch die Flüchtigkeit, die daraus entsteht, nichts festhalten zu können, wird der Augenblick viel intensiver wahrgenommen und dadurch eben doch festgehalten. Einfach nicht auf Bild, sondern in Köpfen und Herzen. Ich genoss die Ruhe und die Entschleunigung. Dadurch, dass ich von den sozialen Medien und jeglichen Interaktionsmöglichkeiten, die nicht face to face stattfinden, abgeschnitten wurde, fühlte ich mich nicht mehr als ein Teil der Masse. Ich kam mir vor, als würde ich mich in Zeitlupe bewegen. Oder als ob ich ein Geist wäre. Ich hatte die Musse, das Gehetztsein von anderen zu beobachten, ohne Teil davon sein zu müssen. Und ich sah so vieles, dass mir verwehrt gewesen wäre, wenn ich stattdessen mein Handy vor dem Gesicht gehabt hätte. Sei es auch nur das süsse Vögelchen, das gerade ein Krümel vom Boden im Flug aufgepickt hat oder die zauberhafte Nebelschwade über dem Fluss.

 

Ich fühlte mich so lebendig, dass ich am Sonntag dann richtig Angst hatte, mein Telefon wieder einzuschalten. Meine Angst war begründet. Kaum eingeschaltet, blinkte das Ding unentwegt und nach zwei Minuten hatte ich 32 Mails, 96 Whatsapp-Nachrichten,  4 SMS (es gibt tatsächlich Leute, die noch SMS schicken), 14 verpasste Anrufe und 2 Sprachnachrichten drauf. Es dauerte über eine Stunde, bis ich alles abgearbeitet hatte und ich begriff, dass man den modernen Zeiten eben nur teilweise entfliehen kann. Das Handy auszuschalten ist keine Lösung, denn man schiebt alle wichtigen oder auch etwas weniger wichtigen Dinge nur vor sich hin. Aber was ich ganz sicher gelernt habe, ist, dass man nicht rund um die Uhr erreichbar sein muss. Auch nicht den ganzen Tag über. Man kann seine Onlinezeit durchaus auf wenige Stunden oder gar Minuten am Tag einschränken. Wenn man denn genügend Selbstdisziplin dazu hat. Ich jedenfalls beschränke künftig meine Zeit auf die Mittagspause und öhm, wie formuliere ich das nun einigermassen ladylike: auf gewichtige Sitzungen im Kabäuschen zwischendurch.

 

In diesem Sinne liebe Freunde: Nicht böse sein, falls ich nicht sofort antworte. Ich mag euch immer noch und bin zwischenzeitlich auch nicht gestorben. Ich nehme nur mal ab und zu ein bisschen "echte" Zeit für mich raus, ohne Telefon. Solltet ihr auch mal probieren. Ich bin euch auch ganz sicher nicht böse, wenn ihr meinen Blog erst auf dem Klo oder in der Mittagspause lest *grins*.

 

 

Ich drück euch!

Eure Scarlet Rose


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