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Wer liest, der träumt

Jedes Mal, wenn ich ein Buch in die Hände nehme, dann ist es, als würde sich eine kleine Wolke in eine andere Welt auftun. Sobald meine Fingerspitzen den Bucheinband berühren, öffnet sich in mir ein Tor in eine Parallelwelt und ich tauche ein in die Geschichte von anderen. Es gibt nichts, das mich so sehr in seinen Bann zieht, wie ein gutes Buch.

 

Alle Fotos dieses Beitrags wurden von Dominique von www.domifabienne.ch gemacht.
Alle Fotos dieses Beitrags wurden von Dominique von www.domifabienne.ch gemacht.

Es beginnt mit dem Anblick des Einbandes. Oftmals ist es der schöne Buchdeckel, der darüber entscheidet, ob ich dem Buch eine Chance gebe oder nicht. Besonders angesprochen fühle ich mich, wenn schon der Einband verrät, dass die Geschichte in vergangenen Zeiten spielt. Dabei bin ich aber übrigens sehr einseitig. Jede Erzählung, die vor den 1920ern stattfindet, hat bei mir einen schweren Stand. Das ist nicht zwingend deshalb so, weil ich einseitig oder festgefahren bin. Es hat mehr damit zu tun, dass ich eine faule Leserin bin.

 

 

Manch einer (oder eine) würde jetzt sagen, dass jemand, der liest, kaum faul sein kann. Aber da wiederspreche ich vehement. Es gibt Menschen, die bilden sich mittels Literatur stetig fort. Ich habe solch bewundernswerte Menschen in meiner Familie. Ihre Bibliothek enthält Bücher, bei denen ich schon Kopfschmerzen kriege, wenn ich bloss das Vorwort lese. Ich wäre manchmal gerne so wie sie. So gebildet und eloquent. Ich wäre gern jemand, der abends vor dem Einschlafen noch ein paar Seiten Tolstoi liest und dazu im Hintergrund leise Mozarts kleine Nachtmusik laufen lässt. Bei Tolstois Anna Karenina habe ich es bloss bis Seite 100 geschafft, und in Tat und Wahrheit höre ich kaum klassische Musik. Falls aber doch, dann lieber Bach. Das liegt daran, dass ich jahrelang Klavier gespielt habe und mir von allen grossen Komponisten die Kompositionen von Bach am raffiniertesten erscheinen.

 

Mein wunderschönes Make-Up habe ich Patricia zu verdanken. Ihr findet sie auf Instagram unter beautywithpatricia
Mein wunderschönes Make-Up habe ich Patricia zu verdanken. Ihr findet sie auf Instagram unter beautywithpatricia

Ach, ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte, war, dass ich keine Künstlerseele habe. Oder zumindest keine grosse. Ich bin keine Nicole Rhoslynn. Sie ist für mich der Inbegriff einer ebensolchen Künstlerseele: sanft, sehnsüchtig, herzensvoll. Sie gehört zu jenen träumerischen Wesen, die zum Klang von Beethoven in einen Gedichtband von Rilke eintauchen und die die von Noten getragenen Worten nicht nur lesen, sondern fühlen.

 

 

Manchmal wünschte ich, ich hätte ein bisschen mehr Nicole in mir. Aber dann wiederum denke ich, dass ich genau richtig bin, wie ich bin. Denn ich bin niemand, den man bewundert und zu dem man aufschaut. Ich bin eine wie viele. Eine von euch. Und wir alle sind perfekt. Und es gibt gar nichts daran auszusetzen, dass die eigene Bibliothek voll steht mit Romanen, Dramen und Band- oder Musikerbiografien. Was nicht heisst, dass man nicht ab und zu auch einmal ein Buch ausserhalb der eigenen Komfortzone lesen sollte.

 

 

Aber ich lese, um zu träumen. Um meine kleine, wundervolle Welt für einen Moment abzustreifen und in eine andere wundervolle oder auch nicht so wundervolle Welt einzutauchen. Ich will mit meinen Charakteren fühlen. Lachen, weinen, mich ärgern. Ich will vor Spannung platzen und zu einem zweiten Sherlock Holmes werden. Und gerade weil ich mich so sehr in meine Protagonisten hineinfühlen will, müssen sie mir nahestehen. Ich muss etwas in ihnen entdecken können, das ich in mir selbst auch wiederfinde. Und weil ich eher bodenständig veranlagt bin, mit einem Hang zur Romantik und Dramatik und nicht nur geschichtlich interessiert, sondern auch in der Realität in manchen Belangen furchtbar (herrlich) altmodisch bin, liebe ich Romantikdramen, die in den 40ern und 50ern spielen. Oh Wunder, wer hätte das gedacht.

 

Doch worauf achte ich beim Bücherkauf denn noch, ausser dem Einband? Hat mich der Buchdeckel überzeugt, schaue ich nach, wer das Buch geschrieben hat. Wenn es ein deutscher Name ist, bleibt das Buch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit liegen. Steinigt mich nicht, ich weiss sehr wohl, dass die deutsche Sprache als die Sprache der Dichter bekannt ist. Doch ich kann mir nicht helfen, den Schreibstil der Deutschen kann ich nicht ausstehen. Er ist mir in vielen Fällen einfach zu langfädig, zu etepetete. Noch schlimmer sind da nur die Schweizer. Die schmücken jeden Satz extra kunstvoll aus, mit tausenden von Kommas garniert. Ich frage mich immer, ob wir mit dem überladenen Schriftdeutsch in irgendeiner Weise unsere eher grobschlächtige Mundart kompensieren wollen. Und ja, so sehr mir die Schreibart der Schweizer ein Gräuel ist, so schlimm bin ich selbst. Auch ich habe einen Drang zum Langfädigen und zum Überladenen. Wenn es einen Abstellknopf dafür gäbe, ich würde ihn sofort drücken. Aber hey, anscheinend gehen nicht alle so hart ins Gericht mit uns Schreiberlingen und Schriftstellern, wie ich das tue, und so darf ich mich doch mittlerweile über eine für mich beachtliche Anzahl an Lesern und Leserinnen freuen.

 

 

Am liebsten mag ich den Schreibstil von amerikanischen Schriftstellern. Und dass ich stets in männlicher Form schreibe, hat nicht die Bohne mit nicht vorhandenem Feminismus zu tun, sondern eher mit eben erwähnter Langfädigkeit, die ich zu verhindern versuche. Hach, schon wieder drei Kommas in einem Satz, ich lerne es wohl nie. Auf jeden Fall sind die Amis kein Fan von Schlangensätzen. Sie schreiben kurz und knapp und auf den Punkt. Das betrifft auch die Storys. Bei meinen Lieblingsschriftstellern habe ich selten das Gefühl, dass die Handlung unnötig in die Länge gezogen wird. Die Geschichte ist stets im Fluss und reisst mich mit.

 

Falls ihr euch fragt, wo wir diese Bilder aufgenommen haben: in der Buchhandlung zur Zytglogge in Bern.
Falls ihr euch fragt, wo wir diese Bilder aufgenommen haben: in der Buchhandlung zur Zytglogge in Bern.

Wenn also der Einband und der Schriftsteller passt, dann achte ich selbstverständlich auf den Inhalt. Der ist eigentlich das Wichtigste. Keine Frau bleibt mit einem Mann zusammen, der zwar schön, dafür aber unerträglich ist. Und ich lese keine 350 Seiten eines Buches, bei dem mir der Inhalt nicht gefällt.

 

 

Was mich gleich zum nächsten Kriterium bringt: die Seitenanzahl. Früher habe ich Bücher regelrecht verschlungen. Das war aber auch noch zu Zeiten, in denen ich 13 Wochen Schulferien hatte. Da spielte es mir keine Rolle, ob mein Buch 300 oder 1000 Seiten hatte. Heute mag ich Bücher mit ungefähr 350 Seiten am liebsten. Da muss man nie so lange auf das Happy End, die Auflösung des Mordfalles oder das Ende mit Heulkrampf warten.

 

 

So, nun wisst ihr, wie ich vorgehe, sobald ich einen Bücherladen betrete. Das ganze Ausleseprozedere kann übrigens gut auch mal mehr als eine Stunde gehen. Ich liebe Bücherläden über alles. Schon allein der Geruch und die Atmosphäre. Eigentlich wollte ich euch ja heute meine Lieblingsschriftsteller vorstellen, aber irgendwie hab ich mich zu sehr in der Einführung verstrickt, so dass ich jetzt nach mehr als 1.5 A4-Seiten nicht mehr die nötige Kapazität habe. Schliesslich sollen meine Blogbeiträge ungefähr eine (ausgedehnte) Toilettenpause füllende Länge haben. Obwohl ich es bis jetzt wohl noch nie wirklich auf Toilettenpausenlänge hingekriegt habe. Aber das macht nichts. Eine Vor-dem-ins-Bett-gehen-Geschichten-Länge ist auch perfekt. Tja, so bin ich halt. Ich schreibe, wie ich lebe. Ich weiss zu Beginn nie, wohin mich die Geschichte führt.

 

Ich wünsche euch eine gute Nacht ihr Lieben, schön, dass ihr da seid!

 

Herzlichst

Eure Scarlet Rose


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Kommentare: 1
  • #1

    Sandra P. (Freitag, 14 Juni 2019 13:01)

    Ach du schreibst immer so toll. Du bist in der Realität so wie auch auf deinem Blog einfach eine tolle Frau �