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(Frau) sein dürfen

Seit wir zurückdenken können, ist die Gesellschaft geprägt von Idealen. Tagtäglich werden wir unzählige Male mit irgendwelchen Idealvorstellungen konfrontiert und messen uns daran, wie gut wir diese erreichen oder umsetzen können. Eines der sowohl bestdokumentierten wie auch meist erstrebten Idealen ist, oh wunder, das Schönheitsideal.

 

Doch woher kommt dieses Schönheitsideal, wer prägt es und wer gibt ihm so viel Macht? Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, so ist eines der ersten Schönheitsideale, das uns begegnet, das der altägyptischen Kultur. Wer jetzt an Kleopatra denkt, liegt zwar nicht so sehr daneben, allerdings ist die Schönheit der Nofretete, deren Namen bedeutet «Die Schöne ist gekommen», noch ein bisschen besser dokumentiert. Wenn man sie als das Idealbild der Frauen damals bezeichnet, so müssten harmonische Gesichtszüge, ein langer und schlanker Hals und ausgeprägte, weibliche Kurven mit allerdings eher kleinen Brüsten als erstrebenswert gegolten haben. In Mode war übrigens schon damals der Lidstrich und Lippenrot.

 

Hier noch ein kleiner Klugscheisseralarm: Wenn wir von Schönheitsidealen sprechen, beziehen wir uns auf das Aussehen von Körper und Gesicht. Alles, was mit Kleidung, Schmuck, Makeup oder Haaren zu tun hat, bezeichnen wir als Mode.

 

Ich werde euch jetzt nicht durch die Schönheitsideale der Jahrhunderte oder sogar Jahrzehnte führen, obwohl das durchaus eine spannende Geschichte wäre. Einen tollen Artikel dazu lest ihr in der Ausgabe 32 des Vintage Flaneur. Übrigens ein Magazin, das ich von ganzem Herzen empfehlen kann. Nun aber zurück zum Thema.

 

Woher kommen sie denn überhaupt, diese Vorgaben der Gesellschaft, wie eine schöne Frau auszusehen hat? Die kommen von uns selbst. Seit jeher gab es Frauen, die durch ihre Stellung oder ihre Popularität zum Schönheitsvorbild wurden. Quasi die Influencer der jeweiligen Zeit. Mal wollten die Frauen aussehen wie Kleopatra, mal wünschten sie sich Kurven wie Marilyn Monroe und dann wiederum, kaum 10 Jahre später, bandagierten sich die Frauen landauf landab die Brüste ein, um so androgyn wie Twiggy zu wirken.

Curvy Model Sonja aka Isabelle Bella Curvy Model
Sonja aka Isabelle Bella Curvy Model

Auch wenn wir das Gefühl haben, dass die Erwartungen an unser Äusseres noch nie so gross waren wie in der heutigen Zeit, stimmt dies nur halb. In erster Linie haben sich vor allem die Medien verändert, die die Idealvorstellungen transportieren. Heute werden wir täglich berieselt durch irgendwelche wunderschönen Bilder von Frauen, die entweder den Umgang mit Photoshop beherrschen, verdammt gute Gene erbten, oder aber den ganzen Tag Zeit haben, um zu trainieren, sich hübsch zurechtzumachen und die halbe Welt zu bereisen, um einen perfekten, drei Stunden und 1000 Aufnahmen dauernden Schnappschuss über Instagram an meinen Frühstückstisch zu senden und mir mein Honigbrötchen ordentlich zu versauen.

 

Noch nie waren wir dem Einfluss der Medien so sehr ausgesetzt, wie wir das in der heutigen Zeit sind. Man braucht nicht mehr das Haus zu verlassen, um eine Zeitschrift kaufen zu gehen oder dem Kino einen Besuch abzustatten, um mit den Schönheiten unserer Zeit konfrontiert zu werden. Ein schlichter Griff zum Mobiltelefon genügt und wir sind verbunden mit sämtlichen Schönheitsvorgaben der virtuellen Welt.

 

Sich selbst dann nicht unwillkürlich mit den Vorbildern zu vergleichen, ist sogar für Frauen mit gesundem Selbstwertgefühl manchmal schwierig. Allzu gerne schaut man über all die verwendeten Filter hinweg und ignoriert die Tatsache, dass erfolgreiche Influencer und Topmodels davon leben, gut auszusehen und dementsprechend auch oftmals genügend Zeit (und Geld) haben, sich um ihr Äusseres zu kümmern. Wir fragen uns unweigerlich, weshalb wir es nicht hinkriegen, so auszusehen. Wir investieren unsere Zeit für Besuche im Fitnessstudio, Termine bei der Kosmetikerin und auf der Suche nach dem perfekten Outfit in tollen Kleiderläden. Zumindest bei mir speckt aber als einziges mein Portemonnaie ab, mein Bauch bleibt, wo er ist. Aber hey, zumindest hab ich ein paar neue Kleider, die den Bauch hervorragend kaschieren. Selbstakzeptanz, Selbstwertgefühl oder gar Selbstliebe, wo seid ihr denn, wenn ich euch brauche?

Curvy Girl Corinne aka Vivienne Deville
Corinne aka Vivienne Deville

Doch es gibt Hoffnung! Zumindest eine kleine. Denn anscheinend hat auch die Modebranche festgestellt, wie ungesund der Trend Size Zero ist. Oder vielleicht haben sie auch einfach festgestellt, dass Normalsterbliche nicht in die Kleider passen, die sie zu verkaufen versuchen? Egal. Auf jeden Fall sind jetzt Curvy Models voll In. Wir schauen nun dabei zu, wie kurvige Frauen in Modelserien über den Catwalk wackeln, ihre vollen Busen ohne BH munter über die Laufstege dieser Welt (oder zumindest dieser Modelserie) schwingen und die neue Weiblichkeit propagieren.

 

Weshalb diese triefende Ironie? Weil auch hier wieder ein Ideal herangezüchtet wird. Denn keine dieser perfekten, kurvigen Frauen hat Pickel, Cellulite oder an den falschen Stellen Übergewicht. Die Gesichter sind wunderschön, unschöne Narben sind keine vorhanden und jedes Gramm Fett sitzt am perfekten Platz.

 

Klar, ich finde es toll, dass eine gewisse Trendwende stattfindet. Doch ganz allgemein habe ich echt genug von irgendwelchen Trends. Denn unsere Welt wird doch erst bunt durch all die Abwechslung! Dieses ständige Schubladisieren und Vergleichen macht uns krank. Hey, wer von uns hätte denn noch Spass am Essen, wenn es jeden Tag dasselbe gäbe? Sogar ich könnte nicht jeden Tag Burger und Eiscreme in mich reinstopfen. Oder stellt euch vor, ihr müsstet jeden Tag dasselbe anziehen. Oder alle Autos auf der Welt wären rot. Schrecklich oder?

beYOUtiful Christine
Christine aka kuekeli

Als ich von dem Herzensprojekt «We are beautiful» gehört habe, das von Pinup Model und 1.82m-Schönheit Betty Raven in’s Leben gerufen wurde, war ich sofort Feuer und Flamme. Sie hat einen Aufruf für ein Fotoprojekt gestartet, in dem sich Menschen mit «Makeln» bewerben sollen. Erst dachte ich, meine von vielen Hüftoperationen stammenden Narben seien nicht Makel genug, um mich zu bewerben. Schliesslich sind sie ja so oder so grosszügig von schwarzer Tinte überdeckt worden. Und Narben tragen ja viele Menschen. Und da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Narben tragen viele Menschen. Ich bin wie viele Menschen. Und viele Menschen fühlen sich wegen diesen Narben unwohl. Ich ja irgendwie auch, sonst hätte ich nicht einen Grossteil davon mit Tattoos überdeckt. Heiliger Bimbam, das muss geändert werden! Und schwupps, habe ich mich beworben und bin angenommen worden.

 

Da stand ich also nun an diesem Sonntag im Dezember, nur in schlichter Unterwäsche und mit einem wunderschönen Makeup von Karin Bachlmayr und einer Frisur, die so nur meine Bixi hinkriegt und hab mir fast ins Höschen gemacht. Diese Frauen, die an diesem Tag mit mir zusammen vor der Kamera standen, haben mich so sehr beeindruckt und ich hatte ehrlich Angst, ihnen nicht gerecht zu werden.

 

Da hatten wir zum einen Anna aka. Betty Raven. Eine der schönsten Frauen, die ich kenne. Ich hätte nie gedacht, dass eine so schöne Frau früher so gelitten hat wegen ihrer Figur und ihrer Grösse. Christine, die eine so tragische Vergangenheit mit Drogensucht, Gewalt, Misshandlungen und Prostitution hinter sich hat. Seit 2009 ist sie clean. Eine so starke Frau, die man einfach nur bewundern kann! Corinne, die äusserlich einfach makellos zu sein scheint. Die Ausstrahlung dieser Frau haut einen um. Dass sie mit der Diagnose MS lebt, kann man kaum glauben. Und dann Sonja. Für diese Frau fehlen mir wirklich fast die Worte. Sie hat mich mit ihrer Selbstwahrnehmung und ihrer Selbstliebe ganz tief berührt und beeindruckt.

Scarlet Rose Vintage beYOUtiful

Erst habe ich an diesem Sonntag Mini-Interviews geführt und versucht, das Wesen und die Geschichte dieser Frauen auf Papier zu bannen, so wie Björn Gotzmann, dieser unglaublich talentierte Fotograf, unser Äusseres auf Bildern verewigt hat. Doch nach einer Weile habe ich meinen Schreibblock zur Seite gelegt. Diese Geschichten, die an diesem Tag erzählt wurden, waren so tiefgründig, persönlich und berührend, dass ich ihnen wirklich nicht gerecht werden könnte. Es sind Lebensgeschichten, die jeder von uns schreibt und für die mir die Worte fehlen, um sie erzählen zu können.

 

Was ich euch aber erzählen kann, ist, wie sich mein Leben mit diesem Shooting verändert hat. Klingt ein bisschen melodramatisch, aber es ist wirklich wahr. Es war so befreiend, halbnackt in diesem Raum voller halbnackter Frauen zu sitzen, nicht reduziert zu werden auf mein Aussehen. Ich hab imfall den ganzen Tag nicht einmal meinen Bauch eingezogen! Wir waren einfach nur Menschen mit Geschichten, die wir uns erzählt haben, als wären wir schon lange Freundinnen. Wir haben nicht nur die physischen Hüllen fallen lassen, sondern haben auch mit einer Ehrlichkeit von unseren Leben erzählt, die uns alle wirklich von Fremden zu Freundinnen gemacht hat. Wir haben einander bewundert und bestaunt, motiviert und unterstützt. Was dabei rausgekommen ist, sind diese unglaublichen Bilder, die so viel Schönheit und Natürlichkeit zeigen, dass mir jedes Mal beim Betrachten das Herz aufgeht! Es hat sich ein Stolz entwickelt auf alle diese Frauen, der nach nur einem Treffen eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Und doch ist er da. Ich bin so stolz auf uns, die der Schubladisierung und der Stigmatisierung trotzen und einfach uns selbst sind. Denn jeder Mensch ist in seiner Einzigartigkeit einfach wunderschön!

beYOUtiful we are all beautiful!
v.l.n.r.: Sonja, Corinne, ich, Christine, Anna

Vielleicht sollten wir alle einfach mal ein bisschen häufiger halbnackt rumlaufen, denn es hat etwas Ehrliches. Kein Bauchweg-Body, kein Photoshop, keine Klamotten, die die Problemzonen kaschieren. Ich hab mich gezeigt, wie ich bin und seither ist mein Presswurst-Bodyshaper bei jedem weiteren Shooting zu Hause geblieben. Schliesslich weiss ja jeder meiner Follower eh schon, was drunter ist. Kein Grund mehr, mich in dieses hässliche, unbequeme Teil zu quetschen. Denn ich bin nicht perfekt. Und ich will es auch gar nicht mehr sein. Deshalb auch mein Neujahrsvorsatz 2019: Ich stehe nicht mehr auf die Waage. Keine Zahl darf mir mehr diktieren, ob ich schön bin oder nicht. Denn das sehe ich selbst. In meinem Spiegel. Und meinem Herzen.

 

Liebt euch selbst!

 

Eure Scarlet Rose

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