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An Tagen wie diesen...

Es gibt sie, diese Tage, an denen man morgens am liebsten schon sein Spiegelbild anschnauzen würde. Man steht vor dem Spiegel und fragt sich, wie man das, was einen da anblickt, bloss retten soll. Die Augenringe scheinen sich pechschwarz bis fast zu den Oberlippen herunterzuziehen, die Haare liegen platt und strähnig an den Kopf gedrückt und tatsächlich hat sich über Nacht ein Pickel mitten auf der Nase breit gemacht.

Wenn man nur jeden Tag so befreit lachen könnte...
Wenn man nur jeden Tag so befreit lachen könnte...

Ich denke mir dann immer, dass eine Tasse Kaffee die Welt schon wieder ein bisschen gerade rücken wird. Ich setze mich also an den Frühstückstisch, mit meiner riesigen Tasse des schwarzen Wundergebräus und starte Instagram – schwerer Fehler! Warum nur habe ich das getan? Ich scrolle mich selbstzerstörerisch durch all die wunderschönen Fotos der erfolgreichen, engelsgleichen Sexbomben. Hätte ich doch einfach lieber ein bisschen meine Katzen gestreichelt und mir ein dickes Marmeladenbrötchen gestrichen. Aber nein, diese Chance habe ich nun vertan.

...der Alltag sieht aber dann doch meist ein bisschen anders aus.
...der Alltag sieht aber dann doch meist ein bisschen anders aus.
Rein also in meine Jogginghosen und raus an die frische Luft – jetzt ist „sich-Quälen-und-die-ganze-Welt-verfluchen-Zeit“. Ich drehe also meine Runde, die Beine sind schwer, ich keuche wie ein Walross und immer wieder sage ich mir mein Mantra auf: „Du willst schön sein, also lauf!“. Völlig abgekämpft und verschwitzt komme ich dann also zu Hause an und fühle mich gerade so lange fantastisch, bis ich dem nächsten Spiegel begegne. Nun habe ich keine schwarzen Augenringe mehr, dafür bin ich so zündrot im Gesicht, als möchte ich mich als Hafenwarnlampe am Lago Maggiore bewerben. Aber wenigstens sieht man so den roten Pickel ein bisschen weniger. Ist ja auch was.
 
Eine Dusche wird’s retten, also raus aus den Klamotten. Beim Ausziehen wabbelt mein Bauch kein bisschen weniger als noch vor einer Stunde. Logisch. Aber trotzdem. Angenervt stupse ich mein Bauchfett an und schaue frustriert dabei zu, wie es nachwabbelt. Fast so, wie wenn man einen Stein über eine glatte Oberfläche springen lässt und der dann seine Kreise zieht. Aaaaah! Ich werde meinen Mann bitten, heute Abend alle Spiegel in unserer Wohnung abzuhängen!
Ich darf euch nicht sagen, wie lange ich für diese Haare gebraucht hab!
Ich darf euch nicht sagen, wie lange ich für diese Haare gebraucht hab!
Erfrischt steige ich dann aus der Dusche, umgeben noch vom Duft nach Kokosnuss und fühle mich fast ein bisschen wie eine exotische Schönheit. Doch dann schlägt mein Erzfeind wieder zu und zersplittert mein wagemutig aufgekommenes Selbstbewusstsein in tausend Teile. Ich bin nach wie vor so rot, als möchte ich mit einem Babybell-Käsli konkurrieren. Zum Glück hat die Kosmetikindustrie tolle Mittelchen erfunden, die meine Gesichtsfarbe wieder in den Bereich des Normalen bringen können. Ich kleistere mir also mein Gesicht mit Makeup zu und hoffe ganz fest, dass der Zusammenhang zwischen Mitessern, Pickeln und Makeup wirklich nur ein Mythos ist, so wie es mein Retter in der Not verspricht.
Die Haare werden nun also geföhnt und in einem kläglich gescheiterten Versuch über die Bürste gedreht, denn egal, wie ich es anstelle, ich sehe immer aus, als hätte ich in die Steckdose gelangt. Ich stecke meine Haare also heute hoch, denn ich stehe auf die Vierziger und Fünfziger. Eine Föhnfrisur wie in den Achtzigern kommt mir nicht in die Tüte. Ich drehe also meine Victory Rolls ein und versuche krampfhaft, die Bobby Pins so in die Haare einzuweben, wie meine grossen Youtube-Vorbilder mir das immer so gekonnt vormachen. Ich möchte kurz erwähnen, dass ich das nicht zum ersten Mal mache. Ich laufe seit einigen Jahren jeden Tag in meinem heissgeliebten Vintagestil rum. Trotzdem wollen mir die Victory Rolls einfach nicht gelingen. Während ich also mit den Zähnen die Bobby Pins zu spreizen versuche und mir dabei meinen sorgfältig aufgetragenen Lippenstift ruiniere, verfluche ich zum ungefähr hundertsten Mal meine mir angeborene Leidenschaft für die alten Zeiten und wünschte mir, ich könnte mir einfach eine „I-dont-give-a-fuck-Einstellung“ aneignen.
 
Frühstück fällt heute aus, denn ich habe zu viel Zeit mit meinen widerspenstigen Haaren verbracht. Meine Mitmenschen wissen bei einem ersten Blick auf mein Gesicht, was ihnen heute blüht. Haben sie keine Schokolade vorrätig, die sie mir anbieten können, ziehen sie sich auf leisen Sohlen zurück und versuchen, sich unsichtbar zu machen. Ist der Tag dann endlich zu Ende, schleiche ich gereizt nach Hause. Ich bin so kaputt davon, den ganzen Tag an nichts anderes als mein Bauchfett, meine Cellulite, meinen Hallux und mein leeres Bankkonto zu denken, dass ich sogar vergesse, meinen Mann zu bitten, die Spiegel wegzuschaffen.
Rettung in Sicht?
Rettung in Sicht?
Ich schmeisse mich in mein wunderbar grosses Pijama, auf das peinlichsüsse Kätzchen aufgedruckt sind und geniesse das Gefühl, dass es nirgends zwickt. Dann gehe ich in’s Bad und schminke mich ab – oh, hallo Pickel! – und mein Tag gilt offiziell als beendet. Als ich dann am Küchentisch sitze, mein Mann mir ein unglaublich leckeres Menü vor die Nase stellt und ich die Gerüche tief in mich aufsauge, weiss ich eines ganz genau: Ich bin doof.
 
Einen ganzen Tag meines Lebens habe ich nun damit verschwendet, mir selbst einzureden, dass ich nicht genug bin. Nicht schlank genug, nicht hübsch genug, nicht erfolgreich genug, nicht vermögend genug. Ich habe mir wertvolle Zeit mit meinen Katzen durch die Finger gehen lassen, weil ich mich lieber an anderen Frauen, die ich nicht einmal alle beim Namen nennen könnte, messen wollte. Ich bin dem Fluss entlang und zwischen den Feldern durchgelaufen und anstelle der gewaltigen Naturschönheit hatte ich nur meine eigene, vermeintlich nicht vorhandene Schönheit vor Augen. Die anderen haben nicht meine hübsche Frisur oder das tolle Makeup bewundert, sondern haben sich bloss gewünscht, ich würde endlich etwas essen, damit meine Laune besser wird. Und während ich Gabel für Gabel des fantastischen Essens geniesse, habe ich kein bisschen ein schlechtes Gewissen oder mache mir Sorgen darum, was meine Waage am nächsten Morgen anzeigen wird. Endlich ist alles gut und ich bin rundum zufrieden.

Und dann kommen von meinem Mann die Worte, für oder wegen derer ich mich den ganzen Tag gegrämt habe: „Du bist wunderschön“. Zerzaust vom langen Tag, ungeschminkt, in einem peinlichen Pijama, und er findet mich wunderschön. Weil ich mich wohl und behaglich fühle. Na Ladies, merkt ihr, worauf es hinausläuft? Jep, das hier ist genau einer dieser Beiträge, die euch sagen wollen: Ihr seid schön! Ich weiss, es gibt sie schon zu Hauf. Und doch ist es wichtig, dass es euch mal wieder gesagt wird: Hört auf, euch für eure Körper zu schämen oder irgendwelchen Vorbildern hinterherzurennen! Bodyshaming ist etwas vom Schlimmsten, das ihr euch antun könnt, denn ihr vergeudet wertvolle Lebenszeit. Lasst es euch von jemandem sagen, der mit denselben Problemen zu kämpfen hat.

Und wenn ihr zukünftig auf Instagram surft und hübsche Bilder anschaut, dann denkt daran, dass jede Frau diese Tage kennt, an denen einfach nichts gelingen will. Auf welche Art wir aber damit umgehen, das haben wir selbst in der Hand. Jede Frau ist schön. Der einzige Unterschied liegt darin, dass sich die einen Frauen schön fühlen, während andere Frauen einem Schönheitsideal nacheifern und sich selbst dabei verlieren. Ihr seid wundervoll! Lasst euch von niemandem, am allerwenigsten von euch selbst, etwas anderes einreden!
 
Herzlichst
Scarlet Rose

Outfits:

Blümchenkleid: selbstgemacht nach einem Schnittmuster von Laveya
Jupe: Vodoo Vixen, gekauft bei Vintage Dream
Bluse: Emmy Design gekauft bei PowderRoom
Hütchen: Mrs Serscheen gekauft bei Luckymonkey
Ring: Geschenk von Mami

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